Sencha richtig aufgießen: Temperatur, Zeit und der zweite Aufguss
Grüner Tee verzeiht kein kochendes Wasser. Wer Temperatur und Ziehzeit im Griff hat, holt aus denselben Blättern zwei, drei ganz unterschiedliche Tassen.
Sencha ist der Alltagstee Japans, der mit Abstand am häufigsten getrunkene grüne Tee des Landes. Er ist kein Zeremonientee wie der pulverisierte Matcha, sondern ein Blatttee für den Nachmittag, für den Moment nach dem Essen, für das kurze Innehalten zwischendurch. Gerade weil er so alltäglich ist, lohnt es sich, ihn gut zuzubereiten – denn Sencha reagiert empfindlich, und der Unterschied zwischen einer mittelmäßigen und einer wunderbaren Tasse liegt in wenigen Grad und wenigen Sekunden.
Der häufigste Fehler ist zugleich der einfachste zu vermeiden: kochendes Wasser. Was schwarzem Tee guttut, verbrüht den grünen. Bei zu hoher Temperatur löst Sencha vor allem Bitterstoffe und Gerbstoffe, die feinen süßen und umami-artigen Noten bleiben auf der Strecke. Wer diesen einen Punkt verinnerlicht, hat schon die halbe Miete – der Rest ist ein kleines, angenehm entschleunigendes Handwerk.
Die richtige Temperatur
Ein guter Sencha will Wasser um die 70 bis 80 Grad, nicht mehr. Je hochwertiger und feiner der Tee, desto kühler darf das Wasser sein – bei den edelsten Sorten geht man sogar auf 60 Grad herunter, um ausschließlich Süße und Umami zu holen. Bei einem robusten Alltags-Sencha sind 80 Grad ein guter Richtwert.
Man braucht dafür kein Thermometer. Wer das Wasser einmal aufkochen lässt und dann in eine leere Tasse und wieder zurück in ein anderes Gefäß umgießt, verliert pro Umfüllung grob fünf bis zehn Grad. Diese Geste – das Wasser von Schale zu Schale wandern zu lassen – ist zugleich der erste ruhige Moment der Zubereitung. Sie zwingt zum Warten, und das Warten gehört dazu.
Menge und Ziehzeit
Als Ausgangspunkt eignen sich etwa zwei bis drei Gramm Blätter pro Tasse, also ungefähr ein gehäufter Teelöffel. Übergossen mit dem abgekühlten Wasser, zieht Sencha erstaunlich kurz: rund eine Minute für den ersten Aufguss. In dieser Zeit entfalten die Blätter, die sich beim Trocknen zu feinen Nadeln gerollt haben, ihr Aroma.
Wichtig ist, die Kanne restlos zu leeren – bis zum letzten Tropfen. Bliebe Wasser bei den Blättern, würde der Tee weiterziehen und beim nächsten Aufguss bitter. Deshalb gießt man in mehreren Tassen abwechselnd hin und her, damit alle die gleiche Stärke bekommen, und schwenkt die Kanne am Ende aus. Ein kleiner Handgriff, der über die Qualität des zweiten Aufgusses entscheidet.
Der zweite und dritte Aufguss
Hier liegt einer der schönsten Aspekte japanischen Grüntees: Dieselben Blätter geben mehrere Tassen, und jede schmeckt anders. Der zweite Aufguss braucht oft nur wenige Sekunden Ziehzeit, weil die Blätter bereits geöffnet sind und ihr Aroma jetzt schneller abgeben – das Wasser darf ruhig eine Spur heißer sein. Er ist häufig der ausgewogenste, mit einer klaren, frischen Note.
Der dritte Aufguss fällt leichter und zarter aus, oft mit einer feinen grünen, fast grasigen Frische. Manche Sencha tragen sogar einen vierten. Wer die Aufgüsse bewusst nebeneinander trinkt, erlebt, wie sich ein einziger Tee im Lauf einer halben Stunde verändert – erst rund und süß, dann klar, dann leicht. Das ist keine Sparsamkeit, sondern eine eigene kleine Dramaturgie.
Warum das Blatt zählt
All diese Sorgfalt zahlt sich nur aus, wenn das Blatt sie verdient. Guter Sencha erkennt man an tiefgrünen, glänzenden, gleichmäßig gerollten Nadeln und einem frischen, leicht süßlichen Duft. Fahle, bräunliche oder stark zerbröselte Blätter deuten auf Alter oder minderer Qualität hin. Grüntee ist zudem empfindlich: Er mag es kühl, dunkel und luftdicht, denn Licht, Wärme und Sauerstoff kosten ihn rasch seine Frische. Nach dem Öffnen sollte man ihn über Wochen, nicht über Monate hinweg trinken.
Die Herkunft und die Ernte spielen ebenfalls hinein – die früheste Ernte des Jahres, der erste Pflücktermin im Frühling, gilt als besonders aromatisch und süß. Doch man muss kein Kenner sein, um den Unterschied zu schmecken. Schon ein aufmerksamer Blick beim Kauf und die richtige Lagerung zu Hause heben die tägliche Tasse spürbar.
Der Ort der Ruhe
Am Ende geht es beim Sencha nicht nur um Chemie und Sekunden, sondern um einen Moment. In Japan war das Teehaus, das kissaten, lange ein Ort, an dem man sich für eine Weile aus dem Tempo des Tages ausklinken konnte – ein Platz, an dem die Zeit ein wenig langsamer läuft. Die Zubereitung von Sencha trägt etwas von dieser Haltung in die eigene Küche.
Das Wasser von Schale zu Schale gießen, eine Minute warten, die Tasse in beide Hände nehmen: Diese kleinen Handgriffe sind keine Umständlichkeit, sondern eine Einladung, kurz innezuhalten. Ein gut aufgegossener Sencha schmeckt deshalb doppelt gut – einmal wegen der feinen Süße im Glas und einmal, weil man sich für ihn die Zeit genommen hat.